»Es gibt nicht den einen Weg«
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»Es gibt nicht den einen Weg«

Christian Grall verantwortet seit Januar 2021 den Vertrieb der PROJECT Publikumsfonds, die in Immobilienneubauentwicklungen deutscher Metropolregionen sowie in Wien investieren. Ein Gespräch über den aktuellen und zukünftigen Alltag im Vertrieb und die neuen Herausforderungen bei der Immobilienentwicklung.

FBM: Die Corona-Krise und die damit verbundenen weitreichenden Kontaktverbote dauern an. Inwiefern hat sich der Alltag Ihrer Partner mittlerweile verändert? 

Christian Grall: Unsere Partner haben sich auf die aktuellen Gegebenheiten eingestellt und für sich Wege gefunden, mit ihren Kunden in Kontakt zu bleiben. Dabei unterstützen wir sie mit den möglichen technischen Mitteln. Zum Alltag gehört demzufolge inzwischen der vollständig digitale Vertrieb, von der Online-Beratung über die digitale Antragsaufnahme bis hin zur digitalen Unterschrift. Daneben kommen aber auch hybride Konzepte zur Anwendung, in deren Rahmen Unterschriften persönlich bzw. analog geleistet werden. Für uns ist spürbar, dass der hybride Ansatz sehr gefragt ist und es aktuell nicht »den einen Weg« gibt. 

Die beiden PROJECT Beteiligungsangebote Metropolen 19 und 20 befi nden sich während der fortdauernden Corona-Krise in der Platzierung und damit in einer potenziell kritischen gesamtwirtschaftlichen Phase. Müssen Sie im Fondsvertrieb mehr Überzeugungsarbeit leisten als früher? 

Immobilien werden stärker denn je als sicherer Hafen angesehen, das haben die Preisentwicklungen auf dem von uns fokussierten Neubauwohnungsmarkt bis heute gezeigt. Die Nachfrage nach modernem Wohnraum ist groß und sie trifft in vielen deutschen Metropolen auf ein immer noch sehr überschaubares Angebot. Vom Wert eines breit gestreuten Immobilieninvestments müssen wir die Interessenten daher nicht überzeugen. Angesichts des immer noch extrem niedrigen Zinsniveaus stehen Anleger weiterhin vor der Situation fehlender Anlagealternativen. Wohninvestments bleiben daher für ein ausgewogenes Portfolio unverzichtbar. 

Das könnte sich jedoch ändern, falls die Infl ationsrate, die im März 2021 bei 1,7 Prozent lag, in den kommenden Jahren zunimmt. Experten zufolge könnten die Bauzinsen bald steigen …  

Auch wenn die Zinsen, die auf einem sehr tiefen Level stehen, nach und nach steigen sollten, bleiben Knappheit und eine im internationalen Vergleich niedrige Wohneigentumsquote in Deutschland auf Jahre hinaus bestehen. Zwar könnten die Immobilienpreise in Zukunft nach einem Zinsanstieg stagnieren oder nachgeben und damit die bislang stetige Wertentwicklung bremsen. Der Wert einer eigenen Immobilie, auch hinsichtlich der in Zukunft mehr privat ausgerichteten Altersvorsorge, bleibt aber dennoch als hoch anzusehen. 

Der Preisdruck nimmt zu, nicht nur wegen weiter steigender Immobilienpreise, sondern auch aufgrund neuer Regularien. Wie schaffen Sie es, eine stabile Rendite Ihrer Fonds sicherzustellen? 

Unser Asset Manager kauft nur Grundstücke mit genügend Entwicklungspotenzial, um auch in seit- oder abwärts laufenden Marktphasen eine attraktive Rendite zu erwirtschaften. Fortlaufende Reinvestitionsphasen, die unterschiedliche Einkaufsbedingungen bieten, können Marktschwankungen besser ausbalancieren. Außerdem setzen wir neben einer breiten Diversifi zierung der Projekte im Publikumsbereich weiterhin auf unser Grundprinzip der Unabhängigkeit von Finanzierungspartnern und investieren hauptsächlich mit dem von Anlegern platzierten Eigenkapital. Dadurch sind unsere Investoren stets erstrangig grundbuchbesichert – ein entscheidender Stabilitätsfaktor. Diese Anlagestrategie gewährleistet die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt – beispielsweise dann, wenn die Zinsen langfristig nach oben tendieren. 

Das Finanzwesen soll mithilfe der gerade in Kraft getretenen EU-Taxonomie nachhaltiger werden. Welche Folgen hat dies für die Branche und speziell für Ihr Haus? Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? 

Wir spüren, dass sich die Kunden mit dem Thema Nachhaltigkeit mehr auseinandersetzen als früher. ESG-Prinzipen gehören zum unternehmerischen Alltag und sind an vielen Stellen greifbar. Dazu gehört im Unternehmen beispielsweise der sorgsame Umgang mit Ressourcen wie das papierlose Büro oder eine umsichtige Reiseplanung. Was wir intern umsetzen, das wirkt sich auch auf das Handeln unserer Partner und ihr Auftreten bei den Kunden aus. Bei unseren Wohnentwicklungen sind eine energieeffi ziente Bauweise nach KfW-55 und der Einsatz regenerativer Energien, die Begrünung von Dächern und Fassaden sowie umweltfreundliche Mobilitätskonzepte längst selbstverständlich. Darüber hinaus wird sich jedoch die Art und Weise, wie wir in Zukunft bauen, stark verändern. Im Fokus stehen neue Möglichkeiten nachhaltigen und bezahlbaren Bauens mithilfe besonders innovativer Konzepte und Materialien. 

Die deutsche Wirtschaft erfährt nicht zuletzt wegen Corona einen Digitalisierungsboom. Zahlreiche Finanzdienstleistungen wandern in die App. Gibt es demnächst die vollständig onlinebasierte Zeichnung? Welche Pläne verfolgt PROJECT in der Zukunft? 

Natürlich beschäftigen auch wir uns intensiv mit allen Themen rund um die Digitalisierung. Wir haben früh begonnen, unsere internen Abläufe vollkommen zu digitalisieren. So fi nden Courtagevereinbarungen mit unseren Vertriebspartnern ausschließlich via DocuSign statt. Seit Oktober 2019 können Anleger und Partner kostenfrei auf unsere mobilen Angebote per App zugreifen, die wir ständig weiterentwickeln. Wir glauben, dass es wichtig ist, sich mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen, daher schauen wir uns natürlich auch die Entwicklungen am Markt an und haben ein sehr offenes Ohr für die Wünsche unserer Investoren. Das geht über den vollständig digitalen Zeichnungsprozess hinaus bis hin zu möglichen neuen Produkten basierend auf der Blockchain. Wir sind ein traditionelles Haus, scheuen aber nicht die Innovation aus uns selbst heraus und gehen diesen Weg auch konsequent weiter. Das Schöne an all den Neuerungen und Fortschritten, die unserer Branche bevorstehen, ist, dass dabei unsere Kernkompetenz rund um das Asset Immobilie bestehen bleibt. Es verändert sich nur die Art und Weise, wie wir damit umgehen.

ChristianGrall

B.A.· Jahrgang 1986
Geschäftsführer PROJECT Vermittlungs GmbH